Das Alter unseres Dorfes


Bernd Fischer (Einbach)

Wie alt ist unser Dorf? Diese Frage stellt sich selbstverständlich an einem solchen Jubiläumsfest, wie wir es aus Anlass der 1200jährigen Wiederkehr der ersten urkundlichen Erwähnung Scheringens feiern.

Neben den schriftlichen Zeugnissen gibt es noch andere Hinweise, mit deren Hilfe wir Aussagen über das Alter Scheringens machen können: Bodenfunde, der Name des Dorfes, die Dorf- und Flurform.

Archäologische Funde könnten z. B. helfen diese Frage zu beantworten. Auf der Scheringer Gemarkung stieß man aber bis heute auf keine Bodenfunde, die Aufschluss über das Alter der Siedlung geben konnten.

Aus den Ergebnissen der Ortsnamenforschung wissen wir, dass die Ortsnamen auf -ingen, -igheim und -heim mit einem vorgesetzten germanischen Personennamen die ältesten deutschen Siedlungen sind. Diese Orte stammen aus dem 3.-5. Jahrhundert, als die germanischen Stämme der Alemannen und Franken unser Land besiedelten und in Besitz nahmen. Zu dieser Gruppe gehört ohne Zweifel das im Lorscher Codex genannte Ansiringa. Als im Jahre 790 Radolf dem Kloster Lorsch in Ansiringa Grundbesitz schenkte, trug der Ort sicher schon 300 Jahre diesen Namen. Scheringen ist demnach heute mindestens l500 Jahre alt.

Ich muss hier erwähnen, dass von Wissenschaftlern, die sich mit der Entwicklung der Siedlungen am Rande des Odenwaldes beschäftigen, Zweifel geäußert werden, ob es bei dem im Lorscher Codex genannten Ort Ansiringa wirklich um das heutige Dorf Scheringen handelt. Zuletzt wurden solche Bedenklen von E. Reinhard geäußert.1 Er Schreibt: „Scheringen, auf das sich die für 790 im Lorscher Kodex festgehaltene Nennung kaum beziehen kann, taucht in schriftlichen Quellen erst für 1251 auf. Bei dieser Ortsnamensform handelt es sich um eine Ortsnamensübertragung aus dem nahen Altsiedelins Rodungsland. Weder nach seiner geographischen Lage, noch nach seiner Ortsform, die aus zwei Weilern und einer Hofgruppe besteht, handelt es sich um eine Siedlung der Landnahmezeit.

Die Gegenposition in dieser Auseinandersetzung über das Alter Scheringens nimmt K. Schuhmacher ein2, der die Siedlung doch als alemanische Gründung gelten lassen möchte. Er schreibt: “ … da man Scheringen (790 Ansiringa) im Elztal, wo die schönen Wiesenflächen die alemannischen Viehzüchter anlockten noch zur Durchmarschzone rechnen darf.“

Unumstritten ist, dass die germanischen Siedler sich bevorzugt in den Landschaften niederließen, wo fruchtbare Böden, offenes waldarmes Gelände und günstiges Klima zur Gründung von Dörfern einluden. Dies war bei uns im deutschen Südwesten besonders die Oberrheinebene und die ähnlich tieffliegenden Muschelkalklandschaften, wie hier in unserer Umgebung das Bauland. Das von dichtem Wald bedeckte Mittelgebirge des Odenwaldes mit seinen armen sandigen Böden und seinem kühlen, feuchten Klima, mieden die frühen Siedler. So bildete sich entlang der Gesteinsgrenze zwischen Muschelkalk und Buntsandstein eine deutliche Siedlungsgrenze aus. Westlich dieser Linie gab es jahrhundertelang kein Dorf und deshalb keinen Ort mit einem Personennamen und der Endung –ingen, -igheim oder –heim, außer Scheringen.

Wenn R. Reinhard mit seinen Zweifeln recht hat, muss der „richtige“ Siedlungsplatz für das Dorf Ansiringa in der Wingartheiba gefunden werden. Da dies bis heute nicht gelungen ist, muss es der Ortschaft Scheringen gestattet sein, die Eintragung im Lorscher Codex auf sich zu beziehen.

Neben der geographischen Lage führt Reinhard außerdem noch die Siedlungsform Scheringens als Argument für eine spätere Entstehung der Siedlung an. Auf diese These möchte ich in meinem Beitrag eingehen:

„Wie sah das Dorf und seine Gemarkung in Scheringen früher aus?“


1 Eugen Reinhart (1988): Landschaftliche Vorraussetzungen und kulturgeographische Auswirkungen des klösterlichen Landausbaus im Hinteren Odenwald. In: Siedlungsentwicklung und Herrschaftsbildung im Hinteren Odenwald. Heft 24 der Reihe zwischen Neckar und Main. Buchen, S. 14/15.
2 Karl Schuhmacher (1926): Das Land zwischen Neckar und Main in der alamannischen und fränkischen Zeit. Heft 8 in der Reihe zwischen Neckar und Main, Buchen, S. 10.